Interview mit einem Homeschool-Vater


   Interview

Das PUR Magazin brachte in der Ausgabe 1/2004 ein Interview zum Thema Homeschool. Wir danken der Redaktion für die Genehmigung der Veröffentlichung auf dieser Homepage.

 

Verängstigte oder aggressive Kinder - entnervte Lehrer - von Terminen zerrissene Familien: Viele Eltern kennen diese Probleme. Eine Alternative dazu ist das Homeschooling (Lernen zu Hause). Eine Bewegung, die vor Allem in Amerika weit verbreitet ist und seit vielen Jahren auch im europäischen Ausland zugelassen und praktiziert wird. Auch in Deutschland nimmt die Zahl der Familien, die sich für diese Art des Bildungsweges entscheiden, immer mehr zu. Unser Redakteur Bernhard Müller sprach darüber mit Klemens Lichter und seiner Familie, die ihre Kinder zu Hause unterrichten.

PUR: Wie lange unterrichten Sie bereits Ihre Kinder zu Hause? Und warum tun Sie das?

Klemens Lichter: Unsere Kinder sind jetzt im 3. Schuljahr zu Hause. Gegenwärtig unterrichten wir die 6. und 3. Klasse sowie ein Vorschulkind. Zu Beginn unserer Überlegungen war es vor Allem die Erkenntnis, daß unser Ältester aufgrund seiner ADS-Symptome nur unvollkommen dem Schulalltag folgen konnte. Bestärkt wurden wir dann in unserer Entscheidung auch durch inhaltliche Kontroversen mit der Schule bei Themen wie z.B. Sexualkunde oder Auswahl von Schulbüchern und Lektüre.

Am meisten gefällt uns aber der andere Lebensstil: Wir können mehr Zeit mit unseren Kindern verbringen, sie in ihrem Lernprozess begleiten. Das Lernen an sich fügt sich organisch in den Alltag ein. Mehr und mehr erleben wir Homeschool als eine besondere Form des familiären Zusammenlebens, die weit über den bloßen Aspekt des Lernens hinausgeht.

PUR: Ist denn das überhaupt erlaubt?

Klemens Lichter: Darüber streiten sich die Fachleute. Aufgrund der Landes-Schulgesetze besteht in Deutschland die allgemeine Schulpflicht. Da diese die Unterrichtung zu Hause nicht explizit nennt, wird der Begriff Schulpflicht von den Schulbehörden so ausgelegt, daß Kinder nur in Schulgebäuden unterrichtet werden können. Insofern wird die Abwesenheit von Kindern selbst dann mit Bußgeldern geahndet, wenn diese anderweitig unterrichtet werden. Dabei wäre, auch aufgrund der im Grundgesetz Art. 6 festgelegten Vorrangigkeit der den Eltern zukommenden Erziehungs- und Sorgepflicht, die Unterrichtung zu Hause ohne größere Gesetzesänderungen möglich. Und tatsächlich haben auch schon einige Oberschulämter manchen Familien Duldung gewährt oder sogar einen Bildungsvertrag angeboten. Das läßt die derzeitige Gesetzeslage bei gutem Willen immerhin zu.

PUR: Besteht dann aber nicht die Gefahr, daß eine Aufhebung oder Aufweichung der Schulpflicht einen Dammbruch bewirkt? Kinder aus sog. asozialen Verhältnissen z.B. würden dann wohl gar nicht mehr zur Schule kommen.

Klemens Lichter: Wenn der Unterricht zu Hause eingebettet ist in die staatliche Schulaufsicht und entsprechende Betreuungseinrichtungen für diese Familien bestehen, kann diese Gefahr gar nicht aufkommen.

PUR: Wie stellen Sie sich diese Betreuung und Aufsicht vor?

Klemens Lichter: Jedes Kind muß ja bei einer staatlich zugelassenen Schule angemeldet sein. Ein Blick ins Ausland zeigt, daß sich dort zumeist private oder öffentliche Organisationen gebildet haben, bei denen Homeschool-Familien ihre Kinder anmelden können. Diese Organisationen stellen dann das nötige Lehrmaterial zur Verfügung und übernehmen die Betreuung der Kinder und unterrichtenden Eltern. Auch in Deutschland gibt es bereits die staatlich anerkannte "Deutsche Fernschule", die diese Dienstleistung anbietet.

PUR: Wie geht denn das bei Ihnen in der Praxis?

Klemens Lichter: Nun, der Unterricht ist Vormittags, wie gewohnt. Wir arbeiten mit einem Stundenplan, damit gewährleistet ist, daß für jedes Kind die benötigte Zeit zur Unterstützung zur Verfügung steht. Der Unterricht orientiert sich am Bildungsplan und den Schulbüchern der jeweiligen Schulklassen. Da bei unseren "Schulkindern" der Altersunterschied zu groß ist, bearbeitet jedes Kind eigene Aufgaben. Ab und zu jedoch erarbeiten wir auch ein Thema zusammen, wie z.B. kürzlich über "das Verhalten der Tiere im Winter". Jedes Kind konnte dabei nach seinen Möglichkeiten mitarbeiten. Unsere zwei "kleineren" Kinder (2 und 4 Jahre) sind teils beim Lernen dabei oder spielen in ihrem Kinderzimmer.

PUR: Und wer vergibt dann die Noten? Oder werden bei Ihnen keine Arbeiten geschrieben?

Klemens Lichter: Derzeit sind unsere Kinder im Fach Deutsch bei der "Deutschen Fernschule" eingeschrieben. Sie erhalten von dort alle Lehrmaterialien einschließlich Tests. Jeder fertiggestellte Test wird eingeschickt und von dem für das Kind zuständigen Betreuungslehrer geprüft und benotet. Zusätzlich erhalten die Kinder vom Betreuungslehrer ausführliche Briefe mit Hilfestellungen und Anregungen.

In den anderen Fächern verwenden wir fertige Prüfungsarbeiten aus Lehrerhandbüchern oder erstellen diese selber.

PUR: Kann man in der Homeschool auch "sitzen bleiben"?

Klemens Lichter: Eigentlich nicht. Das ist ja gerade eines der besonderen Wesensmerkmale der Homeschool, daß man den Unterrichtsfortgang auf den individuellen Zeitbedarf eines jeden Kindes anpassen kann. Gerade Hochbegabte sowie Kinder mit Teilleistungsschwächen oder ADS können hiervon profitieren.

PUR: Können denn Eltern zu Hause überhaupt die ungeheure Fülle des heutigen Wissens den Kindern vermitteln? Hierfür benötigt man doch eine spezielle Ausbildung.

Klemens Lichter: Man sagt, wir leben heute im Informationszeitalter. Das bedeutet aber doch, daß die Information schon zur Verfügung steht. Was man braucht, ist die Fähigkeit, diese ungeheure Informationsmenge zu filtern und zu bewerten und dann sinnvoll zur Bewältigung der jeweils gestellten Aufgabe einzusetzen. Gebraucht wird also nicht mehr der "Pauker mit Spezialwissen", der Nürnberger Trichter hat ausgedient.

PUR: Und wie steht es mit den Kosten? Bekommen Sie Zuschüsse?

Klemens Lichter: Nein, wir zahlen alle benötigten Materialien aus eigener Tasche. Auf der anderen Seite ist ja auch die öffentliche Schule schon lange nicht mehr kostenlos. Schon lange müssen Eltern die Schülerbeförderung ganz oder teilweise bezahlen, Lektüre und in Gymnasien oftmals auch andere Schulbücher selber anschaffen. Außerschulische Veranstaltungen und Klassenfahrten werden kaum mehr bezuschusst. Und nicht nur Bayern erwägt derzeit die komplette Abschaffung der Lehrmittelfreiheit.

PUR: Aber sollten Schulkinder nicht besser den Vormittag mit anderen Kindern gemeinsam verbringen? Wie steht es um die Sozialkompetenz?

Klemens Lichter: Sozialkompetenz erstreckt sich ja auf weit mehr als nur dem Umgang mit gleichaltrigen Mitschülern. Insofern hat wohl die früher in vielen Dörfern bestehende "Zwergschule" weitaus mehr Sozialkompetenz vermittelt als dies in den heutigen Schulzentren möglich ist. Gerade die stetige Zunahme von Gewalt und Verbrechen, Drogen- Nikotin- und Alkoholmißbrauch an heutigen Schulen zeigt ja, daß die von den sog. "68ern" postulierte Sozialisierung in gleichartigen Gruppen nicht zum gewünschten Erfolg führt. Auch eine aktuelle Studie des Bundeskriminalamtes führt an, daß funktionierende Familien mit mehreren Kindern diesen eine bessere Sozialkompetenz vermitteln können. Dies erfordert natürlich von den Eltern, sich der Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen zu stellen. Homeschool darf nicht, z.B. aus engen religiösen Gründen, einen Rückzug aus der Gesellschaft bewirken.

PUR: Und später? Besteht nicht die Gefahr, daß Homeschool-Kinder später als Jugendliche oder junge Erwachsene keinen Anschluß in der heute üblichen Gesellschaft bekommen?

Klemens Lichter: Diese Gefahr besteht auch im herkömmlichen Schulsystem. Man denke etwa an Hochbegabte, die aufgrund von Unterforderung oftmals schlechtere Schulabschlüsse machen oder Kinder, die aufgrund sozialer Herkunft oder anderen Gründen so gemobbt werden, daß eine geordnete Ausbildung nicht mehr möglich ist.

Erfahrungen aus Ländern, in denen der Unterricht zu Hause schon länger Praxis ist, zeigen, daß diese Kinder es später eher leichter haben in Berufsausbildung oder Studium Fuß zu fassen.

PUR: Sie haben sich mit anderen Familien zu einer Initiativgruppe zusammengeschlossen. Was bezwecken Sie damit?

Klemens Lichter: Unsere Initiative haben wir ganz bewusst "Bildung und Erziehung in Familien - Homeschool-Initiative Baden-Württemberg" genannt. Wir wollen damit sagen, dass es uns um weitaus mehr geht als nur um pure Wissensvermittlung, abgehalten an einem anderen Ort als der Schule. Bildung und Erziehung können nur im und mit dem Elternhaus erreicht werden, niemals ohne oder gegen das Elterhaus. Ziel unserer Initiative ist auch, die Information interessierter Eltern, Ausarbeitung und Durchführung von Veranstaltungen zu Erfahrungsaustausch, Information und Fortbildung sowie Zusammenarbeit mit den staatlichen Institutionen. Gerne stehen wir bei Anfragen zur Verfügung.

PUR: Was würden Sie heute den Kultusministern empfehlen?

Klemens Lichter: Einen Blick über den Tellerrand Deutschlands hinaus auf die Länder, in denen Homeschool praktiziert wird. Es gibt dort genügend auch wissenschaftlich erhobene Daten, die eine Übertragung auf deutsche Verhältnisse erlauben. Darüber hinaus wäre es gut, Homeschool aus der Tabuzone zu befreien und einmal ein unvoreingenommenes Gespräch mit Eltern zu wagen, die in Deutschland ihre Kinder zu Hause unterrichten.

PUR: Wir danken für das Gespräch.

 

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Stand: 19. Februar 2006